"Et pourtant elle tourne!" - "Und sie bewegt sich doch!" - " E pur si muove!" - "E tuttina sa mova ella!" / Galileo Galilei
Birmingham - Die andere Seite PDF Print E-mail
Written by Sarina Tschachtli, Philosophische Fakultät, Universität Zürich   
Tuesday, 06 January 2009 15:06

Erasmus ist bekanntlich grossartig. Deshalb kann man ja auch mal das Gegenteil behaupten.

 

BirminghamJeder sagt einem, wie viel Spass man im Auslandjahr hat, und wie viel man lernt. Und damit hat jeder auch Recht, aber damit ist vieles anderes nicht gesagt. Wie man mitten in der Nacht aufwacht etwa, und seinen eigenen Atem sieht. Wie man trotz der ganzen interkulturellen Begeisterung mal an den Punkt kommt, wo man sich einfach nicht mehr versteht. Oder wie man an einem verkaterten Morgen der Facebook-Gruppe beitritt, die besagt, dass man nicht Alkoholiker, sondern Erasmus-Student sei, und wie man sich dann fragt, wem man hier eigentlich was vormacht.

Ich bin in Birmingham, England. Birmingham ist das, was einem passiert, wenn man sich in letzter Minute anmeldet und grad mal zehn Minuten Zeit hat, eine Auswahl von Städten zu treffen. "Ozzy Osbourne kommt aus Birmingham? First choice!" Und dann lebt man in diesem kleinen Backsteinhaus im heruntergekommenen Studentenviertel, teilt sich das Haus mit Franzosen und Spaniern, und das Zimmer mit einem lärmigen Boiler. Und da wären wir beim ersten Punkt: Einbussen an Lebenskomfort. Wer bei kälteresistenten Engländern einzieht, lernt bald, dass man da erst heizt, wenn es Eisblumen am Fenster hat. Die Zimmer sind oft klein, die Wände dünn, und man liegt auch mal nachts wach und hört den Mitbewohnerinnen beim Pinkeln zu. Oder man steht am Bahnhof und hegt zärtliche Gedanken an die SBB, weil der Arbeitsweg wieder drei Stunden dauert statt der einen fahrplanmässigen. Sachen, die man gut überlebt, die teils gute Geschichten ergeben, über die man beim Kaffee mit anderen Erasmus-Studentinnen gerne lacht. Und es braucht ja niemand zu wissen, dass man deswegen auch schon ein bisschen geweint hat, in seinem kleinen, kalten Zimmer.

 

W-Kurven-Katharsis

Am Anfang lacht man auch ein bisschen über dieses Informationsblatt mit ClipArt-Bildern, das einem den Stimmungsverlauf des Austauschstudenten als so genannte W-Kurve beschreibt, und dann durchlaufen alle pflichtbewusst genau dieses Auf und Ab. Erstes Hoch bei der Ankunft: Man freut sich wie ein kleines Kind, dass alle Englisch reden, in England, alles ist neu und damit interessant. Man ist übernächtigt von der grossen Abschiedsparty und müde vom Flug, aber unglaublich euphorisch, ob all der neuen Bekanntschaften, in so kurzer Zeit, weil alle gleich begierig sind, Leute kennen zu lernen, und wegen dem vielen englischen Bier.

Bald aber kommt das erste Tief, wenn man sich das zehnte Haus anschaut, mit dickem, klebrigen Teppich und kargen, dunklen Zimmern. Der ortskundige Begleiter erzählt, wie oft hier eingebrochen wird, und dass sich an der Ecke dort abends Skinheads treffen würden. Und tagsüber eigentlich auch. Das wäre dann der Kulturschock. Die Phase, in der man gerne darüber redet, wie schlecht das englische Essen ist, weil man jetzt zu vergleichen beginnt, und die Engländer plötzlich sehr seltsam findet. Weil die Frauen in sehr kurzen Kleidchen stundenlang in der Kälte für einen Club anstehen, zum Beispiel, und am nächsten Morgen während der Vorlesung husten wie alte Männer. „Oh, es schneit,“ sage ich zur Mitstudentin. „Schau mal hinter dir,“ sagt sie, und wieder steht da ein Engländer in Flip-Flops.

  

Irgendwann zieht man also los, um auf die Wohnung zu trinken, die man dann doch gefunden hat, die so schlecht nicht ist. „Walking distance to University,“ meinte der Vermieter, „crawling dinstance to the pub,“ nennt der Mitbewohner es. Man freut sich, schon alle Bars der Strasse zu kennen, hat es entgegen aller Wahrscheinlichkeit geschafft, sich einen anständigen Stundenplan zu organisieren. Man macht Witze mit den anderen Erasmus-Leuten über den zweiten Einbruch in einer Woche, die ständig ausfallende Heizung oder den Feueralarm, der jeden Abend losgeht. „Point taken!“ schreit die Mitbewohnerin, und alle Fenster werden aufgerissen. Diese Stufe nennt sich dann Initial Adjustment, es stellt sich Zufriedenheit ein und Stolz, dass man die ersten Wochen überlebt hat. Es folgt: Mental Isolation. Irgendwann ist man es nämlich müde, dass die Franzosen meist Französisch reden, und nicht zum ersten Mal schlägt man sich mit irgendwelchen sprachlichen Missverständnissen rum, die zu zwischenmenschlichen werden. Man tut sich mit den Uni-Kursen schwer, vor allem, wenn man weiss, dass man sich ja doch fast nichts anrechnen lassen kann. Und dann beginnt man sich zu langweilen, an den Erasmus-Parties. Und sonst auch.

Aber dann steht man am Fenster, schaut dem Quartierfuchs zu, wie er den Müll im Garten untersucht, den die Ratten in der Nacht zuvor auseinander genommen haben, und man wird ruhig. Weil man merkt, wie gut es einem getan hat: Weggehen, wochenlang nicht ankommen, Freunde finden, ein Dach über dem Kopf, ein Leben. Einfach nochmal ganz von vorne, mal wieder unten durch, und dann weiter. Das nennt sich dann Accepentance and Integration, und fühlt sich grossartig an.

 

 Sarina Tschachtli, Philosophische Fakultät, Universität Zürich    

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Last Updated on Sunday, 18 January 2009 19:44